Nymphenbad

Sie steht oben am Sandsteingeländer des Westaufgangs. In Richtung Langgalerien gewandt. Still versucht sie ihren Herzschlag zu regulieren indem sie bewusst langsam atmet und bis zehn zählt. In ihrer rechten Hand hält sie eine weiße Papiertüte mit takeaway sushi für zwei.
Ihre Augen sind auf den von den Barockbögen freigegebenen Sockel des zweiläufigen Treppenaufgangs gerichtet.
Aber es sind immer andere Füße in fremden Schuhen die nach oben gehen. Unzählige davon. Menschen in Sommerfarben mit Erklärmaterialien und Posen vor Ballustraden für festzuhaltende Erinnerungsfragente. 20 Minuten.

Immernoch aufgewühlt verlässt sie ihren Beobachtungsort, geht die wenigen Meter zum Nymphenbad, dem Treffpunkt. RotWeißes Absperrband verhindert den Zugang. Hier sind weniger Menschen. Er ist nicht darunter.
30 Minuten zu spät. Zurück zum Waldpavillon. Vom Blendgiebel blickt sie ein lorbeerbekranzter Paris an. Er ist schön. Neben ihm Aphrodite, aber auch die verschmähte Athene.
Vielleicht hat sie die Zeit falsch verstanden, vielleicht eine Stunde später. Sie schaut auf ihr Telefon. Es ist still. Sie setzt sich auf eine steinerne Bank, stellt das sushi in den Schatten. Es wird verderben. Sie zwingt sich dem Aufgang den Rücken zuzuwenden. Zweimal wird sie freundlich gefragt ob man sich kurz zu ihr setzen könne. Im Zeitraffer ist da eine sitzende sich minimal bewegende Frau, weiße Bluse, gelber Rock, die Hände im Schoß - um sie herum Ströme bunt dahinflirrender Schemen ohne Bezug.
Dann steht sie wieder auf, zögert, und geht noch einmal zur Treppe. Fremde Schuhe. Stummes Telefon. Eine Stunde.

Nichts kann das erklären.
Er sagte einmal zu ihr, ihr sei jede Gefühlsregung sofort in ihrem Gesicht abzulesen. Nun sind ihre Lippen leicht zusammen gepresst, vertikale Linien zwischen den Brauen, die Augen verlieren den Fokus.
„Junge Frau“ - ein älterer Herr nähert sich und lächelt freundlich verlegen. Sie erkennt, dass er zuvor bereits kurz neben ihr Platz genommen hatte.
„Darf ich sagen“ er macht eine Pause …
„Vergessen sie ihn! Schießen Sie ihn in den Wind.“
Sie blickt ihn an, sein unbedarftes Mitgefühl, seine Einmischung reißt sie aus ihrem dunklen Gedankenstrom. Was macht sie hier? Ist das so offensichtlich?
„Sie haben Recht“ sagt sie. Und hält den Augenkontakt. Ein langer Lidschlag, Andeutung eines Lächelns. Eine Winzigkeit von einem Nicken zum Abschied.
Sie wendet sich ab, geht am Nymphenbad vorbei, den Wall hinab und um den Zwingerteich herum und wirft die weiße Papiertüte in den ersten Abfallkorb ihres Weges.

Inspriration

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Akutes

genug
Freitag Abend. Parkplatz suchen und finden in der Nähe...
eika - 2021/09/12 23:19
Ode ans Nachhausekommen
In welch lachhafter Zeit wir leben in der wir Körper...
eika - 2021/09/12 22:24

eika - 2021/09/04 12:41
Ocho
Mag das Wort so gerne aussprechen. Ocho ocho ocho. Wir...
eika - 2021/08/23 00:26
all in
die frage ist doch was verkläre ich wenn ich erinner....
eika - 2021/08/15 23:01

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Zuletzt aktualisiert: 2021/09/15 09:56

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